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Lehrmeister Corona

von Peter Weigle  |  18.03.2021  |  Covid-19

Corona ist ein bitterer Lehrmeister …

Corona ist ein bitterer Lehrmeister, nimmt unsere Ungereimtheiten unter die Lupe und entlarvt viele Mängel. Viele fühlen sich einsam und verlassen. Für viele, besonders Ältere und Kranke, hat sich gar nichts so viel verändert. Sie leben allein wie eh und je. Werden von wenigen Bezugspersonen versorgt. Die Auskunft mancher aus meinen Gemeinden, es habe sich für sie gar nichts groß geändert, war für mich bestürzend. Was für mich schwer erträgliche Ausnahme ist, ist für viele die Regel.

Verluste

Einsam und verlassen, ein Sch…gefühl, das niemand verdient hat. Und damit geht vielfach der Eindruck einher, entwurzelt und entbehrlich zu sein, nicht geben zu können, nichts zu geben zu haben

Dazu kommt eine seltsame Identitätsdiffusion. Die Realität kommt uns langsam abhanden. Wir definieren uns und reifen in der Verbindung zu anderen. Sind die nicht mehr da, verschwimmt die Grenze zwischen uns und der Welt, wir verlieren den Boden. Wenn wir uns selbst in den Augen und Gesten, in den Gedanken und Äußerungen anderer nicht wiedererkennen können, schwindet unser Selbst.

Bestellt und nicht abgeholt

Unser Denken kreist um Abwesenheiten, wir sind bestellt und nicht abgeholt. Unsere Selbstisolation und unsere Verlassenheitsgefühle werden erschwert durch die Ängste. Wir werden kleinmütig und eng, defensiv und resigniert. Unser wesentlicher Traum: zurück zur Normalität. Aber zurück ist eine wenig progressive Einstellung. Die Maxime heißt allgemein, das Schlimmste zu verhindern und uns vorm Gift der Ansteckung (und Nähe) zu schützen. Das vergiftet unsere Beziehungen und unsere Lebenseinstellungen, unseren Lebensmut.

Das Ich, das sich eingeschränkt zu bewahren hofft, verliert sich selbst gerade wegen der Einschränkungen.

Und wieder Verschwörungstheorien

Mich persönlich erinnert vieles an die Anfangszeit von HIV/Aids. Auch damals gab es Leugner, die HIV für eine Erfindung der Pharmaindustrie hielten. Auch damals meinten viele, die Interventionen seien schlimmer als der Auslöser selbst. Auch Verschwörungstheorien grassierten. Wie heute kursierte die Idee, der Virus stamme aus Versuchslaboren, sei aus Machtkalkülen implementiert. Auch damals witterten viele eine Intervention Gottes zur Erziehung der Menschheit.

Verlorene Grundrechte

Ich glaube nicht an eine Maßnahme von geheimer ‚höherer‘ Stelle. Aber unter Corona werden viele Grundrechte zumindest teilweise suspendiert, darin liegt die Gefahr des Totalitären. Schon Cäsar wusste ‚divide et impera‘, ‚teile und herrsche‘. Der vereinzelte und resignierte Bürger ist leichter zu kontrollieren, als der gemeinschaftlich agierende und lebensmutige. Wir müssen also darauf achten, dass wir die Geister, die wir riefen, schnell wieder loswerden.

Außer Kontrolle

Ich glaube auch nicht an einen Gott, der mit seinem goldenen Lenker durch die Zeiten steuert und nun als pädagogische Maßnahme eine Pandemie losgetreten hat. Doch zu Erlernen und Erinnern gibt es in diesen Zeiten viel. Wir meinten, wir hätten alles unter Kontrolle und im Griff. Corona hat uns gezwungen, uns vom Plan- und Machbarkeitswahn zu lösen. Und unsere Politik bemüht sich redlich, Kontrolle zu simulieren.

Statt die Welt und den Weltenlauf unter unsere Kontrolle zu zwingen, unseren Plänen zu unterwerfen, was nicht geht, sollten wir lernen, mit der Welt zu leben statt gegen sie. Das lehren uns Klimawandel, Artensterben und Umweltverschmutzung und nun auch Corona.

Tätiger Fatalismus

Wir müssen uns deswegen nicht in Fatalismus fügen. Als das Buch zur Corona-Krise wurde schnell Camus ‚Die Pest‘ gehandelt, das Lösungsmodell dort ist ein tätiger Fatalismus, der die Dinge nimmt, wie sie kommen und es unternimmt, das Beste daraus zu machen, wobei das Beste die eigenen Lebensinteressen mit denen der Mitwelt zu vereinbaren sucht.

(Mitte der 80er Jahre erschien Becks ‚Risikogesellschaft‘. Vieles von ihm Dargelegte und Prognostizierte ist wahr geworden und seine Analysen sind es wert, neu rezipiert zu werden.)

Ungeahnte Potentiale

Seit Beginn der Pandemie war ich fasziniert von dem schnellen Anpassungsvermögen der Menschen. Schon im März begann der Ellbogengruß schnellen Einzug zu halten, plötzlich beherrschten neue bis dato nicht gekannte Worte die Kommunikation (R-Wert, Inzidenz, Lockdown und Social Distancing). Der neueste Renner ist die ‚Mutante‘.

Mich hat Corona auch gelehrt, welches hohe Anpassungs-, Lösungs- und Zukunftspotential die Menschen haben. Unsere als bräsig-bürokratisch empfundene Regierung und ihre Verwaltungsorgane schufen viele kurzfristige Lösungen. Die notwenigen Mittel wurden schnell bereitgestellt und binnen kurzem wurde sehr viel umgestaltet und neu organisiert.

Auch dass mittlerweile verschiedenste Impfstoffe bereitstehen, zeigt, was möglich ist. Vielen war und ist nach Abgesang, ich sehe in allem viel vitales Potenzial. Mehr denn je.

Was Corona lehrt

Insgesamt hat Corona auch ein Licht auf unsere Handlungsmaximen und Lebenseinstellungen geworfen. Was nützen Luxus, Komfort und Wohlstand, wenn man es mit niemandem teilen kann? Die letzten Jahrzehnte standen im Zeichen der Vereinzelung, es gibt mehr Single-Haushalte denn je, - nun aber wird deutlich, dass dieses Ich, um das wir so kreisen, ohne die anderen nicht viel wert ist, ja, dass wir die anderen brauchen, um ein Ich zu haben und zu entwickeln.

Modelle wie das Refugium, in denen es unternommen wird, Individualität und gemeinschaftliches Leben und Verantworten miteinander zu verbinden, sind wertvoller denn je.

Ich und Du

Der Mensch als ich-bezogener Verbraucher von Ressourcen, Gütern und Dienstleistungen ist nicht erst seit Corona ein Auslaufmodell. Aber Corona hat uns neu veranschaulicht, dass wir soziale und gesellige Wesen sind, die Verbundenheit, Nähe und Beziehungen brauchen, um leben, uns entfalten und wachsen zu können. Unsere Nächsten sind unser Lebensmittel. Ich hoffe sehr, dass Corona auf längere Sicht Ansporn wird zu einer neuen Kultur der Mit-Menschlichkeit.

Mensch werden. Mensch bleiben.